200 Jahre Friedrich Wilhelm Raiffeisen – Herzlichen Glückwunsch Herr Raiffeisen!

Die Heimat hat er nie verlassen – seine Idee jedoch machte weltweit Karriere.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen wäre am 30. März 2018 200 Jahre alt geworden. Ihn zu würdigen, heißt ein Lebenswerk von 1818 bis 1888 zu analysieren und zu verstehen, das untrennbar mit diesem Namen verbunden ist.

Raiffeisen wurde 1818 in der Westerwald-Gemeinde Hamm geboren. Sein Leben war geprägt von einer Zeit, die wie keine zuvor von tiefgreifenden geistigen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen gekennzeichnet war. Es war das Zeitalter des aufkommenden Liberalismus, der Gewerbefreiheit, der Industrialisierung und der technischen Revolution. Es war aber auch die Zeit eines explosionsartigen Bevölkerungswachstums mit Hungersnöten und unvorstellbarer sozialer Not. Viele wanderten in dieser Zeit in die „neue Welt“ aus, um zu überleben.

Die Menschen auf dem Lande hatten stark mit den Folgen der Stein-Hardenbergschen Agrarreform und der Bauernbefreiung zu kämpfen und gleichzeitig mussten sie den Übergang von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft vollziehen. Das stellte die Bauern vor enorme Probleme. Die meisten waren sehr arm und die Bemühungen der Bauern um eine bessere Kreditversorgung blieben überwiegend unberücksichtigt. Die preußischen Landschaftlichen Kreditinstitute dienten vornehmlich den Besitzern größerer Güter. Somit hatten die Kleinbauern häufig hohe Schulden, die immer weiter zur Verarmung führten.

Vor diesem Hintergrund setzte Raiffeisen auf dem Land auf regionale Zusammenschlüsse der Dorfbewohner. Zwei Prinzipien trieben ihn dabei an: Solidarität und Hilfe zur Selbsthilfe. Sein Handeln war mehr als eine fortwährende Reklamation damaliger gesellschaftlicher Missstände. Er beschäftigte sich nicht Hoffnungen, sondern war ein Mann der Tat. Er suchte beharrlich Wege, den Menschen konkret das Leben zu erleichtern. Aber: Er forderte sie auf, selbst zu denken, was in ihnen steckt. „Du musst selbst die Ärmel hochkrempeln.“, war ein ganz pragmatischer Ausspruch Raiffeisens. Selbsthilfe war die Voraussetzung für Hilfe von außen. Er hatte keine Angst vor der Zukunft – seine christlich gebundene Zuversicht blieb ungebrochen. Er stellte sich den Alltagsrealitäten der Menschen. Der Erfolg gibt ihm bis heute Recht: In Deutschland sind über 22,6 Millionen Menschen Mitglied einer Genossenschaft – mit steigender Tendenz. Weltweit sind heute über 1 Milliarde Menschen in Genossenschaften organisiert.

Was verbindet die Volks- und Raiffeisenbanken von heute mit Raiffeisen ?
Die vorgenannte Aufgabe von Friedrich Wilhelm Raiffeisen ist auch die Aufgabe der Genossenschaften von heute. Aufgaben sehen, lösen und dabei die Menschen und ihre Situation fest in den Blick nehmen. Raiffeisen gelang es, den Wandel der Zeit positiv mitzugestalten.

Auch die heutigen Banken müssen sich einem enormen Veränderungs- und Wandlungsprozess stellen. Dabei ist es den Genossenschaftsbanken sehr wichtig, die genossenschaftliche Idee zu erhalten und zeitgemäß weiterzuentwickeln.

Die Person Friedrich Wilhelm Raiffeisen steht zweifellos für viel mehr als nur für eine Reminiszenz an eine herausragende Persönlichkeit. Er steht für eine Idee, die immer wieder aufs Neue als moderne Antwort auf die Fragen der Zeit empfunden wird - eine Idee, die nie in die Jahre gekommen ist und die so aktuell, zeitgemäß und wandlungsfähig ist, ohne dabei ihr Fundament aus dem Blick zu verlieren. Was macht diese Idee auch heute noch so besonders? "Was einer nicht schafft, das schaffen viele", das ist das wohl am meisten verbreitete Zitat des genossenschaftlichen Gründers. So einfach diese Aussage auch ist, so sehr steht sie für die Eigenschaft der genossenschaftlichen Idee. Es ist die Kraft der Gemeinschaft, die viel bewegen kann. Raiffeisen erkannte dieses sehr früh. Zusammenhalt, Solidarität, Gleichberechtigung prägen die Gemeinschaften nach Raiffeisen und dem zweiten großen genossenschaftlichen Gründervater, Hermann Schulze-Delitzsch.

Eine immens große Rolle für die stabilen Gemeinschaften spielt die genossenschaftliche Mitgliedschaft. Die genossenschaftlichen Mitglieder können mitbestimmen, mitgestalten und werden zugleich am Erfolg der Genossenschaft beteiligt. Mit der Mitgliedschaft geht eine enge Bindung der Volks- und Raiffeisenbanken zu ihrer Region einher. Die Mitglieder sowie die Mitarbeiter kommen mehrheitlich aus der Region. Auch dies findet seinen Ursprung in Raiffeisens Wirken. Diese lokale Verankerung gehört zur Identität einer jeden Genossenschaftsbank. Sie spiegelt sich auch im gesellschaftlichen Engagement wider: Die Volksbank Solling eG hat im vergangenen Jahr den Vereinen, Verbänden und Institutionen in ihrem Geschäftsgebiet Spenden in Höhe von mehr als 70.000 EURO zur Verfügung gestellt.

Die genossenschaftliche Idee steht neben Regionalität, Demokratie, Transparenz und Offenheit auch ganz besonders für Zukunftsfähigkeit. Die Volksbank Solling eG hat in den vergangenen Wochen Ihre Mitglieder und Kunden informiert, dass sie im Laufe des Jahres ihr Filialkonzept neu ausrichten wird und es dem veränderten Kundenverhalten sowie den geänderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen wird. Ganz nach Raiffeisens Ansatz geht es hierbei um nachhaltiges Wirtschaften, um rechtzeitiges Reagieren auf Veränderungen, um den Erwartungen und Ansprüchen der Mitglieder und Kunden noch stärker gerecht zu werden. Raiffeisens Idee von Gemeinschaft bestand nicht nur in der Einsicht, dass sich zusammen mehr erreichen lässt, vielmehr setzte er ebenfalls auf das gegenseitige Einstehen füreinander, auf Zusammenhalt und Solidarität.

Die HNA hat anlässlich des 200. Geburtstages von Raiffeisen den Gründervater der Genossenschaftsidee in den Blickpunkt gestellt und in der Gründonnerstagsausgabe ein ausführliches Porträt über ihn veröffentlicht. Erweitert wurde dieser Bericht um die Genossenschaften in unserer Region. Den Bericht der HNA lesen Sie hier.